WOHNUNGSNOT IM SCHATTEN DER FERIENPARADIESE

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                        my home is my castle III , 2026                                                                                                                                                                                                                                                                                           Acryl/fineart 120/40 cm, Aufl.9

                     

Wohnungsnot ist zwischenzeitig in allen portugiesischen Tourismusregionen , insbesondere in den Metropolen Lissabon und Porto, aber auch in der gesamten Algarve eine grosse gesellschaftliche Herausforderung für die portugiesische Bevölkerung .        Die Ursachen sind vielschichtig: Portugal hat in der Folge der Wirtschaftskrise 2008-2014 vielseitige steuerliche und wirtschaftliche Anreize ( goldene Visa, RNH-Status und vieles mehr) entwickelt, um kapitalstarke ausländische Investoren aus der gesamten Welt in seine Metropolen und touristische Zentren wie die Algarve zu locken. Zielgruppen waren nicht nur gewerbliche Investoren sondern auch wohlhabende Ausländer, die ihren Lebensabend in Portugal verbringen und damit verstärkte Kapitalströme ins Land sicherstellen sollten. Daneben wurden insb. IT-Spezialisten mit erleichterten Einreiseprivilegien ( schneller residente-Status )  und über eine neue Infrastruktur von  Co-working spaces viele junge digitale Nomaden erfolgreich angeworben.                                            Diese Massnahmen haben in den letzten 10 Jahren tatsächlich zu einer deutlichen Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Situation des Landes und einer Verringerung seiner Verschuldungsquote geführt. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist allerdings, dass im wesentlichen lediglich die Bau -, Makler - , Tourismusbranche und Teile des Geschäfts - und Foodsektors hiervon profitiert haben, während für einen weiten Teil der portugiesischen Bevölkerung und deren traditionell sehr niedriges Lohnniveau nahezu keine Verbesserung eintrat sondern stattdessen im lebenswichtigen Bereich des Wohnens und der damit verbundenen Kosten  eine dramatische Verschlechterung.                                                                                                                                                                  Denn  die Miet- und Immobilienpreise haben sich in den letzten Jahren geradezu astronomisch erhöht,  ohne dass ein Ende dieser Entwicklung in Sicht ist.                                                                                                                                                                                                  Die Ursachen hierfür: 

a. hohe Nachfrage durch Ausländer und gewerbliche Investoren nach Immobilien und Wohnraum im breiten Segment zwischen kleinen, einfachen  bis hin zu luxuriösen Objekten im Feld einer bunten ausländischen Käuferschicht aus der gesamten Welt von digitalen Nomaden über Ferienhausbesitzer bis hin zu Rentnern, die ihren Lebensabend als Residente in Portugal verbringen möchten.

b.  massive Zunahme von Tourismus - und Ferienvermietung über Airbnb &Co, wodurch eine Vielzahl von Wohnraum der langfristigen Vermietung entzogen und stattdessen lukrativer, teurer Kurzzeitvermietung zugeführt wurde und wird. Allein durch diesen Sektor ist z.B. in den Metropolen Lissabon und Porto nach einem Ausverkauf von in schlechtem Zustand befindlichen Filetgrundstücken und Wohnungen in besten Lagen an ausländische Investoren eine massive Gentrifizierung eingetreten, die viele ehemaligen Bewohner dieser Viertel in unattraktive Vorstadtbereiche oder in die Obdachlosigkeit verdrängte und damit zusätzlich auch noch die Authentizität und das damit verbundene Flair von Vierteln wie z.B. der Alfana in Lissabon und der Altstadtviertel von Porto schwer beschädigte. Die Bevölkerungszahl ist in den Kernbereichen beider Städte in den letzten Jahren aus diesen Gründen erheblich zurückgegangen und hat sich stattdessen in unattraktiven Randbereichen verstärkt.

c. Traditionell in Portugal fehlende  bzw, unprofessionelle Stadt- und Bauleitplanung, kaum öffentliche Bauförderung - sozialer Wohnungsbau ist  ein Fremdwort ( Quote unter 2 Prozent im Verhältnis zu ca. 20 Prozent in vielen anderen EU-Ländern).                  d. Unzureichende Sanierung von Altbausubstanzen über viele Jahrzehnte hinweg.                                                                                      Die Gründe hierfür liegen weit zurück:  während der Salazar-Diktatur ( 1933 -1974 ) wurden Mieten über Jahrzehnte hinweg ohne Erhöhungsmöglichkeit eingefroren , was zu extrem niedrigen Mieten ohne relevante Inflationsanpassung  führte. Aufgrund der damit verbundenen Einnahmestagnation für die Vermieter wurden notwendige Bausanierungen und Instandhaltungen über lange Zeiträume unterlassen, sodass viele erhaltenswerte Gebäude zunehmend verfielen oder unbewohnbar wurden. Dieser Zustand hielt auch nach der Nelkenrevolution zunächst noch an, bevor er in den 2010er Jahren durch eine weitgehende Mietpreisliberalisierung  geändert wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren viele wertvolle Altbausubstanzen aber bereits unbewohnbar und  für ihre portugiesischen Eigentümer finanziell kaum noch sanierungsfähig, sodass Objekte in bester Lage in der Regel an finanzkräftige ausländische Investoren mit  den unter b) beschriebenen Folgen geradezu verschleudert wurden .

Zur aktuellen Lage und ihrer gesellschaftspolitischen Brisanz:

Das niedrige Lohn- und Verdienstniveau des überwiegenden Anteils der portugiesischen Bevölkerung steht in keinem erträglichen Verhältnis zu den derzeitig immens hohen Immobilien - und Mietkosten. So beträgt z.B. das aktuelle durchschnittliche Bruttojahresgehalt eines Lehrers ca.30000 Euro brutto. Damit sind aktuelle Miethöhen von über 1000 Euro , die heute in Metropolen oder in Tourismusregionen wie der Algarve für eine durchschnittliche T2-Wohnung anfallen, nicht zu vereinbaren. Dies gilt  erst recht  für eine hohe  Anzahl von Angestellten und Arbeitnehmer mit deutlich geringerem Verdienst.  Ebenso wird der Erwerb einer Wohnimmobilie bei den aktuellen Hochpreisverhältnissen für die deutliche Mehrheit der Portugiesen  in solchen Regionen völlig unrealistisch. Die Folge: immer mehr Menschen  werden in weit entfernte Randgebiete verdrängt oder sind auf Behelfsunterkünfte angewiesen , die den Namen Wohnung nicht verdienen und nur bezogen werden, um der Obdachlosigkeit zu entgehen. Campingplätze, leerstehende Hütten, Kellerräume, Garagen , verlassene Ruinengrundstücke  werden zunehmend zu Notunterkünften und sind stumme Zeugen einer verheerenden Entwicklung mit viel Spaltungspotential und Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Insbesondere rechte bis rechtsradikale Parteien wie Chega  nutzen diese Entwicklung skrupellos  aus, um gegen Migranten zu hetzen, da sie angeblich Portugiesen angemessenen Wohnraum wegnehmen. Eine zynische Verkennung der tatsächlichen Ursachen, die innerhalb der am stärksten betroffenen Gruppe der Niedriglohnverdiener Vorurteile und Streit entstehen lässt-  Man kann nur hoffen, dass aktuell eingeleitete Reformen wie die Einschränkung der Lizenzvergabe für Kurzzeitvermietungen und deren Kontrolle, die  erhebliche Verstärkung sozialer und öffentlicher Wohnungsbauförderung etc. mittelfristig eine Verbesserung der Situation in die Wege leiten . Zweifel sind geboten, wenn man den wirtschaftlichen Einfluss und die Kapitalmacht der nationalen und verstärkt internationalen Investoren und deren Lobbygruppen realistisch zur Kenntnis nimmt, die an einer notwendigen Regulierung und Veränderung nicht interessiert sind.

                                                                                                                                                                                                                                                                                       Cacilhas - ready for invest, 2023 

Der Verfall zahlreicher Altbaubestände ohne rechtzeitige Sanierung ist  ein in ganz Portugal sichtbares Zeichen für langfristige Versäumnisse in der Baupolitik. Als pittoreske Fotomotive geeignete Zeugen einer verheerenden Entwicklung:

                                                                                    Moderne Bauruinen in Lagos/Algarve

Die nachfolgende Bilderserie FISHERHUTS OF FERRAGUDO  zeigt alte Hütten der lokalen Fischer, die  auch heute noch der   Lagerung  und Reparatur dienen.  Eine Umnutzung zu Wohnzwecken als Folge der Wohnungsnot ist hier in Ferragudo also zum Glück noch nicht erfolgt. Der besondere Charme dieser kleinen Siedlung hinter dem Strand des Fischerortes beruht auf der jeweils  sehr individuellen , von viel Improviationskunst gekennzeichneten Bauweise seiner Erbauer. Ein Gesamtkunstwerk der besonderen Art.